Betrachtungen zum Verstand des Hundes
Jeder von uns kennt es. Hört man Hundefreunde über ihre geliebten Vierbeiner sprechen, fallen Sätze wie: &bdquoEr ist ja so intelligent - er ist eine Seele von einem Tier - er ist treuer als so mancher Mensch - er liebt seine Familie über alles - er würde mich bis in den Tod verteidigen - er ist ganz schön raffiniert - er weiß, was er will - er versteht jedes Wort - wenn der reden könnte usw., usw.&rdquo.
Würde ein Biologe, ein Vertreter der klassischen Verhaltensforschung einem solchen Gespräch lauschen, hätte er sicherlich nur ein mitleidiges Lächeln oder ein verärgertes Kopfschütteln für derart emotionsgeprägte, wissenschaftlich unfundierte Äußerungen übrig. Er meint zu wissen, daß genau wie eins und eins zwei sind, das Verhalten von Tieren nicht mit Begriffen wie Intelligenz, Verstand, Seele, Psyche oder gar Bewußtsein und Sprachvermögen in Zusammenhang gebracht werden kann.
Doch die Verhaltensforschung ist keine Wissenschaft wie die Mathematik. Eins und eins bleibt zwei, doch wenn ein solcher Ethologe auf die Vorgeschichte seiner eigenen Disziplin zurückblicken würde, sähe er, daß die Lehrmeinungen vom Verhalten der Tiere einem ständigen Wandel unterworfen waren. Vielleicht würde es ihm dann auch dämmern, daß seit dem Nobelpreis der Begründer der Ethologie Lorenz, Tinbergen und von Frisch einige Jahrzehnte ins Land gegangen sind. Jahrzehnte, in denen andere Wissenschaften ihre Grundlagen schon zweimal auf den Kopf gestellt haben.
Für den großen griechischen Philosophen Aristoteles war die Sache noch eindeutig. Er billigte Tieren sowohl ein gewisses Maß an Intelligenz als auch ein durchaus reiches Gefühlsleben zu. Auch der christliche Glaube schloß sich anfänglich dieser Meinung an. Thomas von Aquin manifestierte im dreizehnten Jahrhundert sogar die These, daß sich Mensch und Tier nur in dem Maße unterscheiden, in dem sie ihren geistigen Fähigkeiten Ausdruck verschaffen. In den folgenden Jahrhunderten machte allerdings der Glaubenslehre die Frage nach der Seele der Tiere zu schaffen. Besäßen Tiere ein solche, hätten sie auch nach ihrem Tod Anspruch auf einen Platz im Himmelreich. Für viele der Kirchenoberen keine schöne Vorstellung, den Gläubigen nahezubringen, daß sie die Stätte der Ewigkeit mit Insekten, Ratten und Mäusen teilen müßten.
In diese Bresche schlug im siebzehnten Jahrhundert der französische Philosoph René Descartes. Seine These, die weite Verbreitung fand, war, daß Tiere nur biologische Maschinen seien, ohne Intelligenz, Bewußtsein und Seele. Einer seiner Anhänger, Nicolas de Malebranche, brachte die Sache auf den Punkt: &bdquoTiere fressen ohne Vergnügen, weinen ohne Schmerz, handeln, ohne es zu wissen; sie ersehnen nichts, fürchten nichts, wissen nichts.&rdquo Daß solche, auch von offizieller Seite getragene, Lehrmeinung, grausamste Folgen für alle Tiere hatte, die mit Menschen in Kontakt standen, liegt auf der Hand. Erst mit Charles Darwin, der wiederum nur graduelle Unterschiede zwischen Mensch und Tier sah, begann in aufgeklärten Teilen der Welt ein Umdenkungsprozeß. Doch wenn heute Schüler oder Studenten ihre Lehrbücher aufschlagen, um sich über Verhaltensforschung zu informieren, finden sie auf den ersten Seiten den Pawlowschen Versuch über die durch Glöckchenklang ausgelöste Speichelsekretion bei Hunden. Ein Versuch, tierisches Verhalten auf ein durch Reflexe bestimmtes zu reduzieren, und somit ein Sinnbild für die &bdquobiologische Maschine&rdquo Tier.
René Descartes, der soviel Leid über die Tierwelt gebracht hat, soll übrigens einen kleinen Schoßhund besessen haben, den er nicht nur mit allem Luxus verwöhnt hat, sondern mit dem er auch auf sehr menschliche Art gesprochen haben soll. Geht es uns eigentlich anders? Während wir unser Haustier lieben und verwöhnen, akzeptieren wir gleichzeitig, daß Abermillionen von Versuchs-, Nutz- und Schlachttieren gnadenlos gehalten und getötet werden. Nur mit dem verinnerlichten Glauben, daß Tiere seelenlose Maschinen seien, ist eigentlich so etwas möglich.
Natürlich sieht sich die Verhaltensforschung nicht in der Erbfolge Descartes, und natürlich verdanken wir ihr wichtige wissenschaftliche Erkenntnisse, die auch wir Hundefreunde uns teilweise aneignen können, um zu einem noch besseren Verständnis und so zu einem geeigneteren Umgang mit Tieren zu gelangen. Wichtiger erscheint mir allerdings, daß sich die Ethologie von ihren sehr starren Dogmen löst und nicht die Erfahrungen und diesbezüglichen Gedanken all derjenigen abtut, die sich mit Verstand und Herz mit Tieren beschäftigen, Die Computer auf unseren Schreibtischen sind auch nicht das alleinige Produkt von Mathematikern und Informatikern, sondern sie konnten ihren Erfolgszug erst antreten, als die Interessen, Erkenntnisse und Erordernisse derjenigen in die Entwicklung miteinflossen, die den Praxisbezug zu dieser Technik besaßen. Vielleicht gelingt uns auch im Umgang mit Tieren eine ähnliche kleine Revolution, wenn die Kluft zwischen wissenschaftlichen Ergebnissen und praxisnahen Erfahrungen geschlossen werden kann. Aus dem so gewonnenen neuen Verständnis Tieren gegenüber können sich dann auch langsam neue Wege des Miteinanders und geeignetere Formen der Kommunikation untereinander ergeben.
Die klassische Verhaltensforschung
Übereinstimmend geht heutzutage die Ethologie davon aus, daß tierisches Verhalten zu einem wesentlichen Teil genetisch vorgegeben und somit instinktiv verfügbar ist. Anhand einer derartigen auf Vererbung beruhender Programmierung läßt sich zum Beispiel erklären, warum ein Welpe ab einem bestimmten Alter von sich aus das Verlangen verspürt, sich und seine direkte Umgebung nicht mehr zu beschmutzen. Auch seine Vorfahren, die Wölfe, verlassen etwa ab der sechsten Lebenswoche ihre Geburtshöhle unter anderem auch deshalb, um sich außerhalb zu lösen. Ein Einwirken seitens der Wölfin ist hierfür nicht notwendig. Das Verlassen der Höhle ist eine Verhaltensweise, die vom Wolf nicht erlernt werden muß, sondern durch einen bestimmten, körperlichen Reifungsprozeß veranlaßt wird. Vergleichbar ist dieses Verhalten mit dem Flüggewerden junger Vögel, die, sobald sie kräftig genug sind, ihre Flugfähigkeit testen.
Die jungen Wölfe verlassen die Höhle natürlich nicht nur, um diese sauber zu halten. Draußen beginnen sie miteinander zu spielen, sie kauen an ungenießbaren Beuteresten herum, verfolgen fliegende Blätter und Vögel und nehmen das erste Mal intensiveren Kontakt zu ihrem Vater und unter Umständen auch zu anderen Rudelmitgliedern auf. Nähert sich ein anderes großes Tier, fliehen sie in ihren Bau. Auf all diese Verhaltensformen sind die jungen Wölfe genetisch vorprogrammiert. Signalreize, wie die sich schnell wegbewegenden Blätter oder das große Tier, lösen Verfolgungs- bzw. Fluchtverhalten aus. Die für die Kleinen zwar noch nicht verwertbaren Futterreste animieren die Welpen dennoch zum Nagen und Kauen, später auch zum Rumschütteln, das dem späteren Totschütteln der Beutetiere ähnelt. Die Verhaltensforschung spricht hier von modalen Bewegungsabläufen, ein beinahe mechanischer Vorgang. Auch ein Fetzen Papier würde den Verfolgungstrieb auslösen, auch ein ungefährlicher Hirsch den Fluchttrieb und auch ein Stück Holz verleitet junge Wölfe zum Kauen und Nagen wie an einem Knochen und ein Stück Stoff zum Erproben des Totschüttelns.
Das Spielen untereinander und die ersten Kontaktaufnahmen mit den anderen erwachsenen Wölfen dient der Prägung auf die eigene Art und dem Erlernen bestimmter, zum Überleben im Rudel notwendiger Verhaltensmuster. Hierarchien werden erkannt, Kommunkationsformen erlernt und vieles vom Verhalten der Alten wird abgekupfert. Auch dieses sogenannte programmierte Lernen ist stark von bestimmten Abschnitten im Leben des jungen Wolfes abhängig. Begriffe wie Prägungs-, Sozialisierungs- und Rangordnungsphase sind ja auch den meisten Hundehaltern wohlbekannt, und sie sind auf die Entwicklungsstadien des Jungwolfes gut übertragbar.
In den Lehrbüchern der Verhaltensforschung wird das programmierte Lernen für alle Tiere - ob Insekt, Vogel oder Säugetier - generalisiert und unter anderem dadurch definiert, daß das entsprechende Verhalten nur in einen bestimmten Zusammenhang durch einen besonderen Reiz ausgelöst wird. Allein dieser spezifische Signalreiz, wie zum Beispiel ein Geruch, ein Geschmack oder ein Klang, aktiviert nach dem Erlernen das Erinnerungsvermögen des Tieres. Diese Reduktion auf ein Minimum an Informationen ist natürlich einerseits sehr praktisch und effizient, da das Tier nichts Überflüssiges lernt und gezielt reagieren kann. Andererseits wäre ein solches Lernverhalten, wenn es für alle Tierklassen, -ordnungen und -arten gleichermaßen gelten sollten, sehr starr. Sicherlich ist es richtig, daß Honigbienen ihre blühende Nahrungsquelle an der Farbe erkennen, und daß Hühner vor bestimmten schablonenmäßigen Erscheinungen am Himmel flüchten. Doch unsere jungen Wölfe werden den Unterschied zwischen einem für sie wirklich gefährlichem Bären und einem appetitanregendem Hirsch gewiß an einer Vielzahl von Komponenten erlernt haben und später entsprechend flexibel auf Gefahrenquellen oder Beutetiere reagieren können. Zu diesen graduellen Unterschieden innerhalb des Tierreiches ist nicht nur im Bezug auf das Lernverhalten sicherlich an späterer Stelle noch einiges zu sagen.
Bleiben wir vorerst bei unseren jungen Wölfen, die nun schon beinahe ausgewachsen sind und ihre Mutter auf zahlreichen Jagdausflügen begleitet haben. Der erste gemeinsame Winter kommt, und unter Umständen verläßt die gesamte Wolfsfamilie ihr bekanntes Territorium, um das spärlicher gewordene Nahrungsangebot durch ein größeres Jagdrevier zu erweitern. Zwischen Januar und März liegt die Ranzzeit, und gut zwei Monate später fiept in der alten Höhle ein neuer Wurf kleiner Wolfswelpen herum. Die Geschwister des Vorjahres halten sich in den ersten Wochen der Jungenaufzucht wohlweislich von dem Bau fern. Sie sind zwar jetzt auch längst geschlechtsreif, doch keine der jungen Wölfinnen wird in diesem Jahr Junge zur Welt bringen. Vielmehr kehren sie, sobald es die alte Wölfin zuläßt, alle in den Familienverband zurück. Dort beteiligen sie sich an Wachaufgaben und an der Jagd, die auch ihren kleinen Geschwistern zugute kommt. Erst im darauffolgenden Winter gehen die nun beinahe zweijährigen Wölfe ihre eigenen Wege und versuchen, eine neue Wolfsfamilie zu gründen. Ein Vorhaben, das übrigens den ganzen Wolf fordern wird, recht risikoreich ist und letztlich nicht ohne Blessuren abgehen wird.
Der gesamte, hier dargestellte Verhaltenskomplex ist - so die Verhaltensforschung - triebgesteuert. Die Wissenschaft geht davon aus, daß unter anderem die unterschiedlich langen Tageslichtperioden den Hormonspiegel im Blut und somit auch das Verhalten der Tiere beeinflußen. Erklärt wird damit allerdings nicht, warum nur die Alpha-Wölfin und nicht alle geschlechtsreifen Weibchen gedeckt werden. Physisch sind alle Familienmitglieder im ersten Winter zur Fortpflanzung befähigt. Sind auch diese entsprechenden Hemmnisse rein triebgesteuert oder finden sich die tieferen Ursachen für dieses von der Natur &bdquogewollten&rdquo, sicherlich notwendigen Vorgehens in dem vielschichtigen Komplex von Verhaltensweisen, die das nicht einfache Zusammenleben von Wölfen ermöglichen, und die die Sozialisationsstruktur eines Wolfsrudels im Tierreich so einmalig machen? Und sind wirklich alle diese Verhaltensweisen nur durch Signalreize, modale Bewegungsabläufe, vorprogrammiertes Lernen und den Trieb bedingt?
Mensch und Tier
Und wie steht es dann um das &bdquoVerhalten&rdquo des Menschen? Auch das Kleinkind möchte ab einem bestimmten Zeitpunkt keine Windeln mehr tragen und zu diesbezüglich saubereren Lösungen gelangen. Ebensowenig möchte ein Kind ständig in seinem Zimmer eingesperrt bleiben, sondern dies verlassen, um mit seinen Geschwistern, anderen Kindern und den Erwachsenen Kontakt aufzunehmen und zu spielen. Und dient dieses Spiel nicht auch dem Erlernen später notwendiger Verhaltensformen? Kleinkinder krabbeln oder laufen wegrollenden Bällen hinterher, nuckeln an Schnullern und Bettdecken, kauen an Beißringen und Spielzeug und streicheln von sich aus ihre Steifftiere. Vor großen Tieren haben sie anfänglich Angst oder zumindest Respekt und kleine Tiere, wie Ameisen und Käfer, werden leider schnell zu ihren Opfern. Dem Verhalten größerer Kinder und der Eltern wird nachgeeifert, und mit der Pubertät beginnt der Abnabelungsprozeß. Ein paar Jahre später verlassen sie ihr Elternhaus, suchen nach einem Partner und gründen vielleicht eine eigene Familie. Spätestens als Erwachsener ist der Mensch dann auch bereit, sich und die Seinen zu verteidigen und seinen Ansprüchen an das Leben Geltung zu verschaffen.
Vor jede dieser bei allen Kindern zu beobachtenden &bdquoVerhaltensformen&rdquo hätte man getrost ein &bdquoinstinktiv&rdquo setzen oder sie mit den selben ethologischen Termini wie bei Wölfen oder Hunden erklären können. Sind wir dann alle - Mensch und Tier - vorprogrammierte Maschinen, die nur auf bestimmte Signalreize reagieren?
Sicherlich nicht! Der Mensch ist intelligent, er kann seinen Verstand einsetzen, er verfügt über ein Bewußtsein, er besitzt eine höchst komplizierte Psyche oder eben eine Seele. Praxisnäher ausgedrückt: Menschen können nicht nur körperlich, sondern auch auf einer geistigen Ebene leiden, sie können Freude bis hin zum Glück empfinden, sie können Zuneigung verschenken und lieben. Sie sind sich - zumindest teilweise - dieser Vorgänge bewußt und können so auch Rückschlüsse auf das Empfinden anderer Menschen ziehen. Ihr Verstand erlaubt es ihnen, Eindrücke zu verarbeiten, Schlüsse daraus zu ziehen und somit vernünftig zu handeln. Ferner besitzen wir Menschen eine Sprache, mit deren Hilfe wir uns miteinander verständigen können.
Und wie steht es mit dem Tier? Hundehalter wissen es, ihr Vierbeiner würde nicht nur unter körperlichen Schmerzen und Ungemach leiden, sondern vor allem können Hunden &bdquoSeelenqualen&rdquo zu schaffen machen. Nicht mitgenommen zu werden, allein zu Hause bleiben zu müssen oder ignoriert zu werden, lassen manchen Hund schon verzweifeln, da wollen wir von den wirklichen Mißhandlungen, wie einem Leben an der Kette, im Käfig oder ausgesetzt an der Autobahn, gar nicht sprechen. Um so größer ist die Freude, wenn die Not ein Ende findet. Menschen ringen seit langem nach der richtigen Definition des Begriffes &bdquoGlück&rdquo. Kmmen wir der Lösung vielleicht näher, wenn wir die Ekstase eines Hundes betrachten, der längere Zeit auf Herrchen oder Frauchen gewartet hat und diese nun endlich begrüßen darf? Hunde schenken uns in solchen Momenten ihre ganze Zuneigung. Und wenn sie uns ihren Kopf in den Schoß legen oder uns über das Gesicht lecken wollen, dann steckt dahinter mehr, als das instinktive Verlangen nach Körperwärme oder das noch vom Ahnherren Wolf übernommene Verhalten, beim von der Jagd Zurückgekehrten nach Futter zu betteln - auch wenn es uns der Verhaltensforscher so erklären möchte. Auch für unser Verlangen nach menschlicher Nähe oder auch für den Kuß gibt es ähnliche Erklärungen; doch es ist eben ein Unterschied, ob wir von den ursächlichen Wurzeln eines Verhaltens sprechen oder die tieferen Empfindungen kennen und verstehen, die dahinter stecken.
Wo wir schon beim Thema sind; natürlich kennen Tiere, und so auch unsere Hunde, die Form der Liebe, von der wir Menschen nicht erst seit Shakespeares Romeo und Julia meinen, das sie eine der höchsten Formen des menschlichen Gefühlslebens darstellt. Daß es dabei auch bei Hunden nicht in mechanischer Abfolge nur um das Eine geht, wissen zumindest diejenigen, die Rüden und Hündinnen zusammen in ihrem Haus halten. Hündinnen können sehr wählerisch bei der Partnerwahl sein, ihre Auswahlkriterien erscheinen häufig sehr subjektiv, und wenn sie dann doch den Attraktivsten, den körperlich und mental Stärksten erwählen, so soll ähnliches Verhalten ja auch unter Menschen vorkommen. Ein wesentliches Element der Liebe, das Herzensleid, müssen auch Hunde ertragen. Wer schon einmal einen Rüden erlebt hat, der nicht die Zuneigung seiner Hündin findet, aber dem es zumindest gestattet ist, nachts vor ihrem Körbchen zu liegen und ab und zu leise zu seufzen, weiß wovon ich rede.
Das Bewußtsein
Gut, die elementaren Grundgefühle scheinen bei Mensch und zumindest höherstehenden Tieren wie unseren Hunden ähnlich ausgeprägt zu sein. Doch wie steht es mit dem Bereich, wo sich Geist und Gefühlsleben treffen, dem Bewußtsein. Gehen wir nach der Definition eines 1997 erschienen Wörterbuches, wäre Bewußtsein &bdquodie Fähigkeit, Vorgänge in seiner Umwelt durch den Verstand und die Sinne aufzunehmen und zu behalten&rdquo. So einfach sollten wir es uns nicht machen. In der Psychologie wird Bewußtsein häufig als die Fähigkeit definiert, sich seiner selbst, seiner Situation und seiner Gefühle bewußt zu sein, sie zu verinnerlichen und so auch Rückschlüsse auf die Lage und den Seelenzustand anderer ziehen zu können.
Sind Tiere dazu fähig? Gehen wir noch einmal zurück zu unseren Wölfen. Obwohl die Wölfin unter Umständen vom Rüden teilweise versorgt wird (z.B. Fuchsfähen sind in der gleichen Situation ganz auf sich gestellt), muß sie früher oder später doch ihre Jungen verlassen, um selbstständig auf die Jagd zu gehen. Dabei zeigt sich dann, wie schwer ihr diese Trennung für wenige Stunden fällt. Sie umschleicht die Höhle, untersucht die Umgebung und kehrt - besonders vor ihrem ersten Jagdausflug nach der Geburt - immer wieder unverrichteterdinge nach wenigen Minuten zurück. Bis der Hunger siegt, können Stunden vergehen. Es ist klar, es ist die Sorge um ihre Jungen, die sie so handeln läßt, denn sie kennt die Gefahren, die den Welpen drohen. Obwohl im Moment kein Risiko besteht, ist sich die Wölfin aufgrund ihres eigenen Erfahrungsschatzes der eventuell eintretenden Siuation bewußt, und sie ist auch in der Lage, diese Möglichkeit der Gefährdung für andere zu sehen.
Noch deutlicher kann das Vorhandensein eines Bewußtseins bei unseren Haushunden zu Tage treten. Viele unserer Hunde erkennen unsere eigene Stimmungslage sehr genau und reagieren auf diese äußerst sensibel. Sie lassen sich von unserer guten Laune gern anstecken, und auch wenn wir uns in einem Tief befinden, zeigt sich der Vierbeiner bedrückt oder - so haben es zumindest viele Hundehalter schon beobachtet - er versucht, Herrchen oder Frauchen aufzuheitern. Möglich ist ein solches Verhalten nur, wenn der Hund seine eigenen Seelenerfahrungen verinnerlicht hat und nun auf uns reflektiert.
Hier, und nicht nur im instinktiven Rudelzugehörigkeitsgefühl, finden sich auch die Wurzeln für den Wunsch des Hundes, in Harmonie mit uns zusammenzuleben. Ein unter normalen Bedingungen aufgewachsener und geprägter Hund ist sich seiner Spezies durchaus bewußt; auch wenn er ständig unter Menschen lebt, hält er sich, dessen ungeachtet, keineswegs für ein solchen. Natürlich ist die Menschenfamilie nun sein Rudelersatz, doch die tiefe Zuneigung und Bindung an uns, die wir so häufig und richtig mit den Begriffen Treue oder gar Liebe umschreiben, verlangt von uns Menschen mehr, als daß wir den Hund füttern und ihm ein trockenes Dach bieten. Erst wenn wir uns um das Tier kümmern, es anleiten, ihm Freude bereiten und ihm unsere Zuneigung schenken, wird er versuchen, Gleiches mit zumindest Gleichem zu vergelten. Natürlich machen es uns Hunde leicht. Sie buhlen um das Interesse und die Sympathie des Menschen. Doch wenn ihre Bemühungen fruchtlos bleiben, kapseln sie sich langsam ab und sie verkümmern. Die Mär vom geprügelten Hund, der dennoch treu seinem Herren folgt, bleibt eine Mär. Mangels Gelegenheit bleibt der Hund beim Herren, voller Zuneigung oder gar mit dem Gefühl der Treue begegnet ein solches Tier diesem Menschen nicht. Für Tierfreunde ist es häufig ein trauriges Erlebnis, wenn sie sich zum Beispiel in einem südlichen Land nur wenige Tage oder gar Stunden um einen der vielen dort lebenden Hunde gekümmert haben. Obwohl diese Tiere häufig irgendeiner ansässigen Familie &bdquogehören&rdquo und von dieser auch gefüttert werden, würden sie doch, sobald sie Vertrauen gefaßt haben, kaum zögern, uns für immer zu folgen. Ähnliche Erlebnisse kann man natürlich auch in unseren Breiten mit schlecht gehaltenen oder mißhandelten Hunden haben. Hunde machen sich eben sehr schnell und genau ein Bild von uns Menschen und reagieren dann entsprechend. Möglich ist das nur, da der Hund auch klare Vorstellungen von sich und seiner Lebenssituation hat. Dieses Bewußtsein eröffnet dem Hund gerade im Bereich sozialer Interaktionen ein sehr breites Empfindungs- und Verhaltensspektrum. Vereinfacht gesagt: Behandeln wir unseren Hund gut, wird er dem Rechnung tragen, er wird uns vertrauen, uns folgen und versuchen, uns seine Zuneigung deutlich zu machen. Ein Hund, der sich, seine Umwelt und seine Menschen zu beurteilen gelernt hat, entwickelt natürlich auch einen &bdquoeigenen Kopf&rdquo. Die Ergebnisse sind nicht immer erfreulich und reichen von Verwöhntsein über Nichtbefolgen festgelegter Regeln bis hin zu Machtplänkeleien und Eifersuchtsszenen. Hier sind wir Menschen dann gefragt, uns in die Seele des Hundes hineinzuempfinden und entsprechend zu reagieren.
Die Intelligenz unserer Hunde
In seinem vor kurzem erschienen Artikel &bdquoAlles Instinkt, oder was?&rdquo vertrat unser Autor Torsten Winter die Ansicht, daß Hunde ein diffferenziertes, reiches Gefühlsleben besitzen und sogar über ein Bewußtsein verfügen. Der Unterschied zwischen Mensch und Tier sei hier nicht grundsätzlicher, sondern nur gradueller Art. Damit steht er konträr zur klassischen Verhaltensforschung, deren Vorläufer, wie René Descartes, oder anerkannte Vertreter, wie Konrad Lorenz, Tiere als biologische Maschinen sahen oder sie in ihren wissenschaftlichen Abhandlungen als rein triebgesteuerte Wesen definierten. Doch bei der Darstellung des komplexen Wesens des Hundes blieb bisher die Frage nach der Intelligenz und den Kommunikationsmöglichkeiten unser Vierbeiner unbeantwortet.
Die Intelligenz
Als ich vor Jahren damit begann, Hundebücher redaktionell zu betreuen, hatte ich einen ständigen Disput mit meinem damaligen Chef. In den uns vorliegenden Manuskripten wurden häufig bestimmte Hunderassen in ihrem Verhalten oder Wesen mit dem Begriff &bdquointelligent&rdquo beschrieben. Mein Vorgesetzter verlangte, daß dieses Wort ausnahmslos gestrichen würde und generell duch den Begriff &bdquoreaktionsstark&rdquo ersetzt werden sollte. Ich weigerte mich damals, und den Leser wird es nicht verwundern, daß ich auch heute keine Schwierigkeiten habe, den Begriff Intelligenz im Zusammenhang mit Hunden zu verwenden. Nach der Definition des schon erwähnten Wörterbuches handelt es sich bei Intelligenz um &bdquodie Fähigkeit des Menschen (oder Tieres) zu denken oder vernünftig zu handeln&rdquo. Die Wiedergabe des Zitates ist inklusive des Klammertextes korrekt und läßt somit auf ein langsames Umdenken hoffen. Nach dem selben Buch lautet im übrigen die Definition für denken: &bdquomit dem Verstand Ideen und Begriffe verarbeiten, Schlüsse ziehen&rdquo.
Sind unsere Hunde auch dazu in der Lage? Wenn wir uns von der Vorstellung lösen, daß ein Hund schon allein deshalb intelligent ist, weil er unseren Kommandos besonders willig folgt, kommen wir der Antwort schon ein wenig näher. Je nach Rasse und jeweiliger Veranlagung zeigt sich nämlich beim Hund seine Intelligenz in unterschiedlichster Form und Ausprägung. Es ist wie beim Menschen. Der eine ist ein Genie, wenn es um mathematische Fragen geht, doch im Umgang mit Menschen versagt er. Der andere ist furchtbar phantasievoll und kreativ, aber mit dem Überprüfen des Ölstandes seines Autos ist er einfach überfordert.
Es würde den hier gegebenen Rahmen sprengen, alle möglichen Formen der Intelligenz - von multipler, adaptiver, sozialer bis hin zur Arbeits- und Instinktintelligenz - für Hunde aufzuschlüsseln. Doch es läßt sich zeigen, daß es Hunde mit ganz unterschiedlichen Begabungen gibt und natürlich auch solche, die fast allen Lebenslagen gewachsen sind. Mehr oder weniger intelligent sind sie alle. Natürlich hat der Mensch dabei seine Hände mit im Spiel gehabt. Ein Deutscher Schäferhund oder ein Vorstehhund werden sich, aufgrund entsprechender Zuchtbemühungen, als besonders arbeitsfreudige und gelehrige Tiere profilieren. Ein auf sich gestellter Mischling hat hingegen kaum Probleme, sich durch den dichtesten Autoverkehr zu wuseln, Mülltonnen umzustoßen, um an Futterreste zu gelangen, oder einen Durchgang im Zaun zu finden, um einer läufigen Hündin seine Aufwartung zu machen.
Doch auch jeder aufmerksame Hundehalter hat Beispiele zu Hand, die die Intelligenz seines ganz normalen Hundes belegen. &bdquoIch habe es ihm zweimal gezeigt, seitdem kann der das!&rdquo Dieser Ausruf eines stolzen Hundebesitzers deutet auf die Lernfähigkeit und die Geschwindigkeit des Lernens dieses Tieres hin; auch beim Menschen ein wichtiger Gradmesser zur Intelligenzbestimmung. In vielen Situationen benötigen Hunde erst gar nicht unsere Anleitung. Sie beobachten uns und ziehen ihren entsprechenden Schlüsse daraus. Einfache Beispiel sind hier der Griff zur Leine oder in den Vorratsschrank. Wie Hunde darauf reagieren, weiß jeder Hundebesitzer. Doch auch schwierigere Aufgaben werden von unseren Vierbeinern gelöst.
Bärle, ein Schäfer-Rottweiler-Mix, hatte eine besondere Schwäche für Katzen. Auf Spaziergängen wußte er genau, an welchen Stellen sich seine Erzfeinde eventuell aufhalten könnten. Ihm war allerdings auch klar, daß ich - soweit es in meinem Möglichkeiten stand - seine jagdlichen Eskapaden nicht tolerieren würde. Was also tun? Bärle trottete mit mir an den heiklen Stellen vorbei, als wären Katzen für ihn so interessant wie das gestrige Fernsehprogramm. Nach etwa fünfzig Metern wurde er immer langsamer, schnüffelte hier und schnüffelte dort. In dem Moment, von dem er annahm, daß der Abstand zwischen ihm und mir groß genug sei, machte er mit einem Satz kehrt und rannte den hoffentlich auf ihn wartenden Katzen entgegen. Auf eine so große Entfernung kann ein Hund - zumindest wenn er Bärle heißt - nicht mehr gut hören und deshalb leider auch nicht gehorchen, und so hat er mich manches Mal hinter das Licht geführt.
Ein klarer Fall von genauem Beobachten, Abwägen, Schlüsseziehen und somit Problemelösen. Wir können auch sagen, von Schläue oder eben Intelligenz. Mit &bdquoReaktionsstärke&rdquo, also dem simplen Reagieren auf bestimmte Reize, hat ein solches Verhalten wenig zu tun. In vielen Ratgebern für Hundehalter wird zu Recht darauf hingewiesen, daß man - insbesondere als Kind - nie vor einem Hund weglaufen soll. Dieses Flüchten, unter Umständen noch verbunden mit einem Hinstürzen, aktiviert den Jagd- und in schlimmen Fällen sogar den Tötungstrieb des Hundes. Das ist richtig, und Kinder sollte man generell nie unbeaufsichtigt mit Hunden spielen lassen. Andererseits spielen unsere kleinen Kinder tagtäglich mit unseren großen Hunden im Garten. Sie laufen an ihnen vorbei, sie laufen vor ihnen weg und sie fallen häufig hin. Die Hunde läßt das völlig unberührt, von einer Aktivierung des Jagdtriebes - über den sie ohne Zweifel in ausgeprägter Form verfügen - keine Spur. Sie wissen einfach, daß es sich um unsere, um ihre Kinder handelt, und die werden beschützt und nicht etwa gejagt.
Die Kommunikation
Soviel also zu den &bdquovorprogrammierten, trieb- und reizgesteuerten&rdquo Hunden, denen die klassische Verhaltensforschung weder eine Seele noch Bewußtsein oder Verstand zubilligen möchte. Und dennoch ist es nicht Sinn dieses Artikels, dem Hund den Status eines Tieres rauben zu wollen. Zwischen Mensch und Tier gibt es gewaltige Unterschiede - nur, diese sind nicht grundsätzlicher, sondern nur gradueller Art. Wer von beiden im emotionalen Bereich reicher ausgestattet ist, möchte ich hier nicht beurteilen, eindeutig ist jedoch, daß der Mensch dem Hund vom Verstand her natürlich weit überlegen ist. Sein hochentwickeltes Gehirn verdankt er unter anderem der Tatsache, daß er als Primat über differenzierte Greifwerkzeuge,nämlich seine Hände, verfügte. Viele Wissenschaftler meinen, daß erst durch die so gegebene Möglichkeit, Werkzeuge und ähnliches zu schaffen und sie vor allem immer weiter zu verbessern, die rasante Weiterentwicklung von der affenähnlichen Urform zum homo sapiens ermöglicht wurde. Die relative geistige Stagnation anderer hochentwickelter Säuger, wie beispielsweise der Delphine, fände hiermit eine Erklärung.
Etwa parallel zur Vervollkommnung des handwerklichen Geschicks bis hin zu den Technologien unserer Tage verlief auch die Entwicklung der menschlichen Sprache. Als es uns unsere Hände dann noch erlaubten, aus einfachen Bildern langsam eine Schrift zu entwickeln, war der sprachliche Höhenflug nicht mehr zu stoppen. Viele Menschen meinen, daß erst die Sprache uns wirklich vom Tier unterscheidet. Seitdem man erkannt hat, daß unsere nächsten Verwandten, die Menschenaffen, nicht über die organischen Möglichkeiten verfügen, menschliche Laute von sich zu geben, bemühen sich unzählige Wissenschaftler, unter Zuhilfenahme von Zeichen- oder Blindensprache mit ihnen in der menschlichen Sprache zu kommunizieren.
Als wenn das der richtige Ansatz zur Klärung der Frage wäre, ob Tiere über eine Sprache verfügen. Wir Menschen können tierische Lautäußerungen kaum oder nur sehr ansatzweise deuten, und wie steht es umgekehrt? Können Tiere einer Art sich sprachlich untereinander verständigen und können sie unter Umständen auch uns verstehen? Wenn man unter Sprache ein System von Lauten und Wörtern versteht, das man benutzt, um sich mit anderen zu verständigen, müssen wir Tieren, und vor allem unseren Hunden, zumindest ein, wenn auch eingeschränktes, Sprachvermögen zubilligen. Unter Zuhilfenahme von Lauten verständigen sie sich natürlich untereinander; eine weitere Differenzierung und Weiterentwicklung dieser Kommunikationsform anhand von Wörtern ist ihnen allerdings nicht gegeben. Andererseits ist ihr Lautsystem - Bellen, Winseln, Heulen, Seufzen, Knurren, Schnaufen - schon recht umfangreich, und auch die einzelnen Laute, wie zium Beispiel das Bellen, bieten vielfältige Variationsmöglichkeiten. Beinahe jeder Hundebesitzer erkennt, ob sein Hund wütend oder ängstlich, traurig oder fröhlich, auf etwas hinweisend oder zur Begrüßung bellt. Daß Hunde untereinander noch weitaus feinere Unterscheidungen heraushören, liegt auf der Hand.
Darüber hinaus verfügt jeder Hund über ein breites Repertoire an Signalen und Gebärden. Allein mit der Haltung ihrer Rute können Hunde deutlich machen, ob und wie sehr sie sich freuen, ob sie sich gerade auf ihr Gegenüber konzentrieren, ob sie ruhig und entspannt oder nervös und ängstlich, ob sie aggressiv oder freundlich eingestellt sind. Ähnliche Signale vermittelt der Hund mit der Haltung seiner Ohren, mit der Stellung seines Fanges bzw. seiner Lefzen und natürlich mit seiner gesamten Körperhaltung. Selbst seine Augen sprechen: Blickt er sein Gegenüber starr an, zeigt er Dominanz und unter Umständen auch Aggressivität, wendet er die Augen ab, fühlt er sich unterlegen und unsicher, und wer seinen Hund genauer kennt, kann aus dessen Augen auch noch einiges mehr lesen.
Und natürlich kann ein Hund sich durch sein Gesamtverhalten mittteilen. Fast jeder erkennt, wenn ein Hund spielen möchte, wenn er sich freut oder wenn er droht. Hundefreunde kennen auch die Rituale eines Hundekampfes, wissen, warum ihr Vierbeiner mit den Hinterbeinen den Boden aufkratzt oder Rüden an jeder Ecke ihr Bein heben. Auch zartere Gefühlsäußerungen sind möglich: Die Pfote auf dem Knie von Herrchen oder Frauchen heischt um Aufmerksamkeit, der Kopf an selber Stelle verlangt nach Zärtlichkeit und das Zeigen des Bauches ist nicht immer eine Unterlegenheitsgeste, sondern kann auch ein Zeichen von Zufriedenheit sein oder eine Aufforderung zum Kraulen darstellen.
Doch handelt es sich bei all den hier vorgestellten Kommunikationsformen des Hundes wirklich um Sprache? Ich bleibe dabei. Ein Hund kann sich wirklich hervorragend seinem Gegenüber verständlich machen, und wenn Psychologen die Gebärden, die Mimik und den Gebrauch einzelner Wörter von Kleinkindern eindeutig als Sprache definieren, sollten wir Gleiches auch den Hunden zubilligen.
Viel interssanter als ein solcher Wettstreit ist allerdings die Frage, inwieweit Hunde uns verstehen können. Wir Hundefreunde kennen die Antwort. Natürlich wissen Hunde genau, was wir von ihnen wollen, sie verstehen uns. Gerade Besitzer eines älteren Hundes wissen, wovon ich spreche. Da genügt ein Wink mit dem Zeigefinger, und der Hund bequemt sich vom Sofa herunter, ein Hindeuten mit dem Kopf läßt ihn die gewünschte Richtung des Weges erkennen und ein &bdquoEs gibt gleich den Hintern voll!&rdquo hat je nach Tonlage die gleiche Wirkung wie ein &bdquoPfui!&rdquo oder &bdquoAus!&rdquo. Weil es schon so oft geschrieben stand, werden viele jetzt sagen:&rdquoAber der Hund versteht uns nicht wirklich, er deutet nur unseren Tonfall, unsere Mimik und unsere Gestik&rdquo. Welch irriger Ansatzpunkt. Können wir Tieren erst dann ein Sprachvermögen zubilligen, wenn sie unsere, die menschliche Sprache in ihrer gesamten Semantik beherrschen? Ist es nicht schon bewundernswert, daß sie uns - obwohl wir ihre doch sehr einfache Sprache nicht mal ansatzweise wiedergeben können - dennoch so hervorragend verstehen?
Im übrigen meine ich, daß Hunde durchaus viele unserer menschlichen Laute bzw. Worte von ihrer Bedeutung her kennen. Als wir vor ein paar Jahren die damals schon siebenjährige Setterhündin Leila zu uns nahmen, hatte sie arge Probleme mit meiner leicht rheinisch eingefärbten Umgangssprache. Mit &bdquoFo(r)ttchengehen&rdquo oder &bdquoFresserchen&rdquo konnte sie wenig anfangen; gab ich das ganze im Hochdeutschen wieder, wußte sie genau, daß man mit ihr spazierengehen wollte oder ihr Fressen in Aussicht stellte. Ähnliche Kommunikationsprobleme hatte ich auch mit Bowser, dem Rottweilerrüden unserer Verwandten in New York. Als ich die ersten Male mit ihm allein durch die Straßen wanderte, konnten wir uns kaum des Weges einigen. Mimik, Gestik und Tonfall halfen da wenig. Erst als ich meine gesamten Englischkenntnisse bemühte, fanden sich darunter auch einige Worte, die ihm verständlich waren. Jetzt zeigte sich, daß er ein sehr braver, folgsamer Hund war, übrigens auch sensibel genug, um über einige sprachliche Mankos meinerseits großzügig hinwegzuhören.
Amerikanische Wissenschaftler haben herausgefunden, daß Hunde mindestens sechzig bis siebzig Worte allein aus der Lautäußerung heraus richtig deuten können. Ich spreche allerdings mit unseren Hunden so, wie mir der Schnabel gewachsen ist. Dabei bin ich mir sicher, daß die Hunde mich genau verstehen. Auch René Descartes wird von seinem Schoßhund verstanden worden sein, und das geahnt oder gewußt haben. Von Konrad Lorenz wissen wir aus seinen zahlreichen, hervorragenden Erzählungen, welch inniges Verhältnis er zu all seinen Tieren gehabt hat. Warum wagte keiner von ihnen, sobald sie sich auf wissenschaftliches Terrain begaben, auf diese persönlichen Erfahrungen zurückzugreifen und neben ihrem Verstand auch ihr Herz sprechen zu lassen?