Wie viel Liebe braucht der Hund?
Trends kommen aus den Vereinigten Staaten. Und der neueste Trend dort sind kleine Hunde zum Liebhaben. Wer wirklich dazugehören will, besitzt einen Malteser, Zwergpinscher, Chiahuahua, Shih Tzu oder Seidenspitz, gönnt seinem neuen Liebling allen nur erdenklichen Luxus und präsentiert ihn natürlich stolz der Öffentlichkeit. Auf den V.I.P.-Partys in New York oder Los Angeles ist es beinahe schon ein Muss, ein kleines, niedliches Fellknäuel auf dem Arm zu halten. Eigentlich ein Wunder in einem Land, in dem man ansonsten nicht einmal das einfachste Schnellrestaurant mit seinem Hund betreten darf.
Deutschland zieht da nach, oder waren wir gar die Vorreiter? Zumindest Rudolph Mooshammer, der Münchner Modezar, lässt sich schon seit einigen Jahren in der Öffentlichkeit, sei es in Talkshows oder auf Partys, nur in Begleitung seiner Daisy, einer recht niedlichen Yorkshire Terrier Hündin, blicken. Als er nun kürzlich an der Vorentscheidung des Grand Prix d`Eurovision teilnahm, rückte auch Daisy wieder einmal in den Blickpunkt der Medien. Fern ihrer Münchner Heimat durfte der Hund nicht mit auf die Bühne, musste zeitweise in einem fremden Hotel untergebracht werden und auch ihre Ernährung mit bestimmten Geflügelspezialitäten soll Schwierigkeiten bereitet haben.
Das war natürlich wiederum ein gefundenes Fressen nicht nur für die Klatschblätter der Nation. Auch seriöse Tageszeitungen berichteten von den großen Nöten des kleinen Hundes. Sicherlich, ein wenig ironisch den notwendigen Abstand zum Thema wahrend, aber sich doch immerhin des Interesses der Leserschaft bewusst. Und wie reagieren diese Leser? Sehr unterschiedlich. Einige wenige fanden das Ganze herzallerliebst und litten mit der kleinen Hundedame und ihrem extravaganten Herrchen mit. Die große Mehrheit war gewiss hin- und hergerissen zwischen belustigtem Lächeln und verständnislosem Kopfschütteln. Und wiederum andere werden sich empört haben und das in diesem Fall recht leere Stroh von der Sünde gedroschen haben.
Widmen wir uns kurz Letzteren. Jeder Hundefreund kennt diese Leute, die sich schon darüber aufregen können, dass man Hunde in der Wohnung hält, ihnen Kosenamen gibt und sie einfach sehr gerne hat. Solche Leute würden auch gern joggen oder Rad fahren, trauen sich aber aufgrund der Hundegefahr in keine Grünanlage. Wenn sie dennoch ihr Haus verlassen, treten sie unweigerlich sofort in Hundehaufen und nach der Reinigung des Schuhwerks suchen sie ihren Arzt auf, um sich auf Parasitenbefall hin untersuchen zu lassen. In der Kampfhunddiskussion stehen sie als Experten in vorderster Front, denn sie wissen genau, dass so ein Hund mit seinem furchtbaren &bdquoScherengebiss&ldquo &ndash es heißt ja auch schon so &ndash einem erwachsenen Mann glatt ein Bein vom Körper abtrennen kann. Da diese Leute niemals einem Tier ihre Zuneigung schenken werden, passen sie auch nicht in diesen Artikel, und wir können sie getrost links liegen lassen.
Zum großen Feld der mild lächelnden Kopfschüttler zähle ich auch die meisten Leser dieser Zeitschrift. Wir wissen, auch eine Yorkshiredame benötigt keine Geflügelspezialitäten zu ihrem Wohlbefinden, bei trubeligen Fernsehauftritten hat sie eigentlich nichts zu suchen und wir alle werden schon einmal beim Anblick von Mooshammer und seiner niedlichen Freundin gedacht haben, dass auch ein kleiner Hund zumindest ab und zu auf eigenen Beinen herumlaufen kann und nicht ständig herumgeschleppt werden muss. Andererseits wissen wir von dem großen weltweiten Tierelend, und wenn wir dazu Daisys Leben in Relation setzen, wird uns in ihrem Zusammenhang wohl kaum ein Wort wie Tierquälerei über die Lippen kommen. Aber, ist das Ganze auch artgerecht, rassegerecht?
Ich sage, was kümmert den Hund seine art- bzw. rassegerechte Haltung, wenn er nur zufrieden ist. Aber keine Angst, ich fange nun auch keine pseudoästhtische Diskussion darüber an, ob Daisys Schopf eher von einem rosa Seiden- oder besser von einem schwarzen Samtschleifchen zusammen gehalten werden sollte. Ich gehöre aber nun auch nicht zu den Leuten, die beim Anblick eines Yorkshires an die ursprünglichen, seit Jahrhunderten praktizierten Aufgaben eines Terriers denken, ihn lieber unter als über der Erde sähen unten am liebsten noch an der Kehle einer zappelnden Ratte. Vielleicht denke ich dann schon eher daran, dass seine Vorfahren das vor hundert Jahren einmal konnten, nun aber seine Bestimmung eine ganz andere geworden ist. Warum dem so ist, warum Menschen aus agilen, robusten Hunden beinahe lebensunfähige Schoßtierchen züchten, soll uns heute auch nicht beschäftigen. Hier steht vielmehr die Frage im Raum, wie gehen wir mit dem um, was wir uns geschaffen haben und welche Ansprüche &ndash eben auch emotionaler Art - stellen diesen Wesen an uns?
Beginnen wir also damit, was wir unseren Hunden bieten, wie wir sie erziehen und wie wir sie halten. In unserem Kulturkreis hat sich da natürlich in den letzten Jahrzehnten einiges hin zum Guten für die Hunde getan. Aber immer noch gibt es auch bei uns Hundehalter, die meinen, in alten Traditionen die geeigneten Rezepte für den wirklich &bdquohundegerechten&ldquo Umgang mit ihrem Tier zu finden. Bauern, die ihren Hund Tag und Nacht auf dem Hof anketten, Jäger, die ihren Jagdgefährten &bdquonach Gebrauch&ldquo in den Zwinger stecken genau wie sie ihre Flinte in den Gewehrschrank stellen oder &bdquoHundesportler&ldquo, die ihren Vierbeiner so hart rannehmen, dass er nur noch geduckt auf halbe Körperhöhe neben ihnen herlaufen kann. Spricht man diese Menschen auf ihr Verhalten gegenüber ihren Hunden an, haben sie alle sofort nicht etwa Entschuldigungen, sondern stichhaltige Argumente parat. Der Bauer beruft sich auf seinen Vater und Großvater, der Jäger erzählt etwas von notwendiger Abhärtung für den jagdlichen Einsatz und der Sportler, ohnehin der Hundeexperte schlechthin, erklärt uns die Wichtigkeit der Tatsache erkennen zu lassen, wer Herr im Hause ist. Falls dann doch mal etwas schief geht, beispielsweise der Hofhund seine Hinterläufe und Rute bis aufs Fleisch beknabbert, der Jagdhund nicht nur im Auto auf der Fahrt ins Revier, sondern auch dort angekommen völlig durchdreht oder der Sportshund den Spieß umdreht und seinen Herren plötzlich hart rannimmt, dann wird das Tier entsorgt und ohne den Hauch des Hinterfragens beginnt das Spiel von Neuem &ndash in guter alter Tradition.
Zum Glück für unsere Vierbeiner können oder wollen die meisten der heutigen Hundehalter nicht auf Althergebrachtes zurückgreifen. Viele sind bereit, sich vor der Anschaffung eines Hundes anhand von Sachbüchern und Beratungsmöglichkeiten zu informieren, andere tasten sich einfach an die Bedürfnisse des unbekannten vierbeinigen Wesens heran &ndash sicherlich ein &bdquolearning by doing&ldquo mit dem einen oder anderen Rückschlag - und alle vertrauen zusätzlich ihrem &bdquoGefühl&ldquo. Doch dieses Gefühl führt uns nun nicht automatisch auf den richtigen Weg, es ist nicht vergleichbar mit einem Instinkt, dazu sind uns Tiere zu fremd geworden, dazu ist auch der Abstand zum Tier, zum Hund einfach zu groß. Zudem ist unser Gefühl Tieren gegenüber von Mensch zu Mensch ganz unterschiedlich entwickelt. Ausschlaggebend dafür ist: Wie sind wir individuell veranlagt, wie wurden wir von unseren Eltern an Tiere herangeführt und wie geht unsere mittelbare und unmittelbare Umgebung mit Tieren um? Praxisnäher ausgedrückt: Es gibt natürlich Gründe &ndash wenn auch nicht Entschuldigungen &ndash dafür, warum der besagte Bauer seinen Hund auf dem Hof ankettet und warum Mooshammer es für notwendig hält, dass seine Daisy nur in ganz bestimmten Hotels untergebracht werden kann.
Doch gibt es nicht objektive Kriterien, die uns sagen können, welche Bedürfnisse ein Hund wirklich an uns stellt? Sicherlich, viele kennen wir: Hunde brauchen artgerechte Ernährung, ausreichend Bewegung, zu ihrem und zu unserem Besten müssen sie halbwegs gehorchen usw. usw. Doch wie sieht es mit den gefühlsmäßigen Ansprüchen der Tiere uns gegenüber aus? Was empfindet ein Hund, wenn er tagtäglich angekettet und unbeachtet auf dem Hof herumliegt, wie fühlt sich ein Hund, wenn er nicht mit in die Wohnung zu seinen Leuten mitgenommen wird, sondern im Zwinger abgestellt wird und wie fühlt sich ein Hund, der nicht mit Lob und Sachverstand, sondern mit Schlägen erzogen wird. Die Leser meiner bisherigen Artikel kennen meine Antwort: Ich meine, solche Hunde fühlen sich genau so wie sich Menschen in solchen Situationen fühlen würden. Vielleicht mit dem kleinen, aber bedeutenden Unterschied, dass ihnen der Einblick in die Zusammenhänge fehlt, und sie sich wahrscheinlich keine Schuldfrage stellen. So begegnen sie ihrem Besitzer immer noch freudig schwanzwedelnd, auch wenn er ihnen nur kommentarlos einen Napf mit Trockenfutter hinschiebt.
Doch dann geht Herrchen, und man ist wieder allein. Einzige Abwechselung bietet vielleicht noch einmal der vorbeikommende Briefträger, den man pflichtbewusst und aufgeregt anbellt, und dann? Was bleibt ist Langeweile und Sehnsucht. Ja, auch Tiere sehnen sich nach etwas: Nach Bewegung, Abwechselung und vor allem nach sozialen Kontakten. Dies Bedürfnis könnte auch durch andere Hunde oder vielleicht sogar durch eine Katze gestillt werden, doch am liebsten ist beinahe jedem Hund sein Herrchen oder Frauchen. Mit ihnen könnte man etwas unternehmen und vor allem wäre man, wenn man mit ihnen zusammen ist, Teil einer Gemeinschaft. Das ist allen Hunden furchtbar wichtig, und wenn sie nie das Gefühl vermittelt bekommen, reagieren sie unweigerlich früher oder später mit Verhaltensstörungen. So gesehen muss jedem Hundehalter klar sein, dass zu den absoluten Grundbedürfnissen eines jeden Hundes ein gehöriges Maß sozialer Nähe gehört. Wird ihm die geboten, hat man zumindest einen Hund, der mit seinem Leben klar kommen sollte ohne dahingehend größere Verhaltensauffälligkeiten zu zeigen.
Doch wie die meisten Menschen auch, verlangt es einem normalen Hund nach noch mehr. Er will in seiner Gemeinschaft anerkannt werden, er möchte geliebt werden und er möchte das spüren. Natürlich ist er auch bereit, uns dafür einiges zu bieten. Beobachtet man einmal das soziale Leben innerhalb eines Wolfsrudels, erkennt man sehr schnell, das dort kaum &ndash wie viele Menschen denken &ndash ständig irgendwelche Hierarchiekämpfe ausgetragen werden, sondern dass alle Rudelmitglieder vielmehr um ein harmonisches Zusammenleben bemüht sind. Da wird gespielt, geschmust, gekuschelt und wenn ein Tier auch nur nach kürzester Abwesenheit zurückkehrt, wird es freudig von den anderen begrüßt. Genauso verhalten sich auch die direkten Abkömmlinge der Wölfe, unsere Hunde, uns gegenüber. Wir Hundefreunde wissen es: Auch unser Hund will von uns ständig beachtet werden, mit uns spielen, spazieren- gehen und zu Hause am liebsten fortwährend gestreichelt und gekrault werden. Motivation für dieses Verhalten unseres Hundes ist nicht nur Spaß an der Freude und Genusssucht, sondern eben dieses starke Bedürfnis nach unserer Anerkennung oder nennen wir es ruhig Liebe. Davon kann kein Hund genug bekommen, egal ob Pudel, Rehpinscher, Rottweiler oder Pitbull. Selbst die häufig etwas reservierter auftretenden asiatischen Rassen sehnen sich nach Anerkennung und Liebe, auch wenn sie nicht ganz so unvermittelt einfordern wie beispielsweise Artus, mein Riesenschnauzer, der schon eifersüchtig reagiert, wenn ich nut telefoniere und der sich abends weigert, schlafen zu gehen, wenn er nicht vorher mindestens zehn Minuten gestreichelt wurde.
Es liegt nun an uns Menschen, solchen Mäzchen nachzugeben oder dem Hund &ndash wie viele es nennen &ndash seinen Platz als Tier zuzuweisen. Für Letzteres spricht einiges. Nicht jeder Hundebesitzer möchte oder kann aus ganz pragmatischen Erwägungen heraus sein Leben den Wünschen seines Hundes unterordnen. Da müssen ein paar Riegel vorgeschoben und dem Tier seine Grenzen gezeigt werden. Dagegen ist absolut nichts zu sagen, das ist normal und vernünftig. Doch andererseits ist es, zumindest in meinen Augen, auch nicht verwerflich, wenn mancher Mensch seine ganze Zeit, Aufmerksamkeit und Liebe seinem Tier schenkt und es vielleicht sogar zu seinem Lebensmittelpunkt erhebt. Sicherlich, die Gründe für solches Verhalten mögen manches Mal außerhalb der Normen unserer Gesellschaft liegen. Heute, wo jeder beruflich erfolgreich, sozial anerkannt und in seiner Freizeit mit möglichst vielen Spaßfaktoren konfrontiert sein sollte, mag es eigentümlich wirken, wenn manch Mensch seine ganz eigenen Wege findet, um Sinnentleerung oder Einsamkeit entgegenzuwirken. Aber ob nun jemand seinem Leben Sinn und Freude auf ganz konventionellem Wege verleiht, ob er sein Glück in extravaganter Freizeitgestaltung findet oder eben in der vielleicht übertriebenen Fürsorge für ein Tier, sollte Außenstehenden eigentlich egal sein.
Aber der Hund! Das Tier sollte unter den eventuellen zwischenmenschlichen Defiziten seines Besitzers nicht leiden, nicht von seiner Liebe erdrückt werden! Nun ja, der rosa eingefärbte Pudel, das auch im Sommer im Regenmantel herumlaufen müssende Windspiel, der mit Schokolade und Keksen überfütterte Dackelmix oder der aus Angst vor den anderen &bdquobösen&ldquo Hunden nicht mehr aus der Wohnung gelassene Westie können einem schon leid tun. Andererseits sage ich es nochmals: Betrachten wir das weltweite Tierelend, sollte uns das Wort Tierquälerei im oben genannten Zusammenhang nicht über die Lippen kommen. Erst recht nicht, wenn wir den etwas moderateren Formen der Vermenschlichung von Tieren begegnen. Wenn stört es, wenn ein Hund in Frauchens Bett nächtigt und den Rest des Tages auf ihrem Sofa verbringt, wem schadet es, wenn ein Hund mit Rinderfilet und Basmatireis ernährt wird? Die Hunde werden an einem solchen Leben keinen Anstoß nehmen, sie machen sich keine Gedanken darüber, ob ihr Leben ihrer Geschichte, ihrer Art und Rasse entspricht. Und seien wir einmal ehrlich, benötigen wir wirklich noch Hunde, die ihren ursprünglichen Aufgaben gerecht werden? Brauchen wir einen Yorkshire, der in unserem Keller Ratten jagt, einen Collie, der unsere Schafherde zusammenhält oder einen Barsoi für die Wolfsjagd?
Nein, bis auf ganz wenige Hunde im Polizei- und Rettungsdienst oder in der Hand von Förstern und verantwortungsvollen Jägern, benötigen wir heute Hunde, deren nicht immer einfache Aufgabe es ist, uns in unserer modernen Welt als treue Freunde zu begleiten und uns Freude zu schenken. Dafür ist es unsere Pflicht, ihre physischen Bedürfnisse zu befriedigen und ihren naturgegebenen, emotionalen Ansprüchen Rechnung zu tragen. Dazu gehört vor allem, dass wir ihnen das Gefühl vermitteln, Mitglied unserer Familie, ihres Rudels, zu sein und dass wir ihnen unsere Anerkennung oder gar Liebe schenken. Wie viel von Letzterem, das kann jeder nur für sich selbst entscheiden
Es liegt in der Natur der Sache, dass alle höher entwickelten Tiere, vor allem Säuger und in unserem speziellen Fall eben Hunde über ein sehr differenziertes Sozialgefüge verfügen. Die Quantität der potentiellen Partner variiert dabei stark.